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Auf nen Kaffee mit dem Prof
Geschrieben von: Wilbers   
Samstag, 07. März 2009 um 21:37 Uhr
Draußen vor dem Fenster fallen dicke Schneeflocken auf den harmonisch weißen Kampus des College of William and Mary. Vereinzelt sehe ich warm eingepackte Gestalten Schneebällen ausweichend über den sonst so grünen Rasen toben und frage mich, was das Wetter noch für Kapriolen zu schlagen gedenkt. Erst letzten Freitag rannte ich in kurzen Hosen bei fast 20 Grad einem Ball hinterher über dürres Gras, heute, Montag, stehe ich bei minus 5 Grad in 15 Zentimeter tiefem Schnee. Nur eines der klimatischen Phänomene, an die man sich gewöhnen muss, wenn man dem deutschen Einheitsbrei entflieht und sich in eine Gegend begibt, wo so wie hier in Virginia ständig der Kampf zwischen nordischen Winden und subtropischen Schönwetterfronten tobt. Aber ich will mich nicht beschweren. Schließlich wird hier ja schon genug gelästert. Man könnte fast meinen, es gefalle mir nicht am College of William and Mary; dass ich mich dringend nach Deutschland zurück wünschte. Gegen diesen Verdacht muss dringend etwas getan werden. Schließlich habe ich eine Verpflichtung meinen Gastgebern gegenüber, die mich hier so freundlich willkommen geheißen haben (und, ähem, mein Studium bezahlen).

Im Restaurant

Der Gedanke diesen Blog zu schreiben, kam mir neulich als ich im Thai-Restaurant in Reis und Cashew-Hähnchen rührte. Eingeladen vom Historischen Seminar des College plauderte ich in gemütlicher Runde mit fünf Professoren und zwei anderen Doktoranden über dies und das. Anlass war der Besuch einer Autorin, die gesponsort von den Historikern einen Vortrag gehalten hatte und sich nun mit uns den Abend vertrieb. Es gab Wein, es wurde gelacht, und die Atmosphäre war so locker, dass ich unweigerlich an den üblichen Abstand denken musste, der bei uns in Deutschland traditionell zwischen dem Professor und dem gemeinen Studenten herrscht. Ich fragte mich, ob auch bei uns so etwas möglich wäre. Zugegeben: Mir fehlt der Vergleich, denn in Deutschland war ich nunmal nie Doktorand. Die Vorzeichen allerdings waren alles andere als vielversprechend. Selbst als ich kurz vor dem Abschluss stand, konnte ich den Großteil der Professoren maximal zwischen Tür und Angel erwischen. Emails blieben, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, unbeantwortet. Und der Gedanke, mit einer ganzen Gruppe auf Kosten des Historischen Seminars auch nur ein Käffchen zu trinken, wäre mir im Traum nicht gekommen. Aber wie gesagt: Vielleicht ist das ja alles anders, wenn man erstmal Doktorand ist...

Der Vortrag

Hier fühle ich mich in jedem Fall von den Professoren nicht nur respektiert, sondern vor allem auch geschätzt. Man trinkt hin und wieder einen Kaffee zusammen, tauscht sich aus und Gerüchten zufolge soll hier und da sogar ein Witz erzählt worden sein. Dadurch entsteht eine Bindung, ein erster Schritt zu jener viel beschrieenen Identifikation, die einen jeden Amerikaner mit seiner Alma Mater verbindet. Man achtet plötzlich auf Vorträge und Diskussionsgruppen, geht zu Abendveranstaltungen und denkt sogar darüber nach, vielleicht mal an einem Treffen des Planungsausschusses teilzunehmen, um über die Zukunft der Uni zu diskutieren. Das lässt man dann allerdings doch bleiben. Man will es ja nicht übertreiben. Die Vortragsreihen jedoch sind so hochkarätig besetzt, dass es fast schon einer kleinen Sünde gleichkommen würde, sich diese intellektuellen Leckerbissen entgehen zu lassen. Jüngstes Beispiel war Professor Peter Gourevitch, extra eingeflogen aus Kalifornien, der in einer einstündigen Analyse die aktuelle Finanzkrise auseinander nahm und mir somit ein wichtiges Thema ein ganzes Stück näher gebracht hat.
 
Die Konferenz

Doch auch die Events, die von Studenten für Studenten organisiert werden, können sich sehen lassen. Das Vorzeigeprojekt meiner Uni ist ein Symposium, bei dem Graduate Students – also diejenigen die an Master oder PhD arbeiten – ihre Arbeit präsentieren können. Aufgebaut wie eine akademische Konferenz erlaubt das Symposium jedem Studenten, erste Schritte in der Welt der Akademie zu gehen und sich mit den Abläufen und Konventionen vertraut zu machen. Man lauscht den Vorträgen seiner Kommilitonen, diskutiert mit Wissenschaftlern anderer Universitäten und hat nebenbei noch die Chance, für seine Arbeit stattliche Preise einzufahren - die beste Präsentation wird immerhin mit 1000 Dollar belohnt. Finanziert wird das ganze durch eine großzügige Spende der Uni, die sich der Wirkung dieses Projektes durchaus bewusst ist. Wir erinnern uns, der Student ist Kunde, und da kann man mit einem eigenen akademischen Forum durchaus punkten. Vor allem, wenn quasi als Bonus schon im Vorfeld mit diversen Vorbereitungsseminaren die Fähigkeiten der Studenten gezielt gefördert werden.


Der Workshop

Das passiert unter anderem in einem Workshop, in dem wir von einer ehemaligen Schauspielerin, die mittlerweile Bücher schreibt und ediert, darin geschult werden, vor Publikum zu überzeugen. Zugegeben: Anfangs musste ich mich zwingen, da überhaupt hinzugehen. Denn mal ehrlich: Wer hat schon große Lust nach acht oder neun Stunden an der Uni abends um halb sieben noch zu einem „Workshop“ zu gehen? Genau! Und als ich beim ersten Mal in den Raum kam und besagte Pädagogin sich auf dem Boden kugelnd ihren Atem „aufwärmen“ sah, wäre ich am liebsten direkt wieder umgedreht. Aber man ist ja nicht voreingenommen und so blieb ich, was sich bald als kluge Entscheidung herausstellen sollte. Denn neben Atemschulungen, die sich bei Vorträgen als überraschend hilfreich erweisen, übten wir auch Tricks wie das gezielte „in die Augen schauen“ und merzten sprachliche Unebenheiten wie verschluckte Vokale und genuschelte Konsonanten aus. Alles übrigens auf Kosten der Uni. Na ja, nennen wir es lieber: „Enthalten im Studienpreis“. Hat ja nicht jeder so ein Glück wie ich.

Mittlerweile ist übrigens Freitag, so ein Blog kann sich ganz schön hinziehen. Ich würd‘ ja auch gern noch mehr schreiben, aber gleich ist wieder Fußball. Und ob ihr es glaubt oder nicht: Draußen sind 22 Grad...
 
 

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