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Safety First – Sicherheit an Amerikas Universitäten
Geschrieben von: Wilbers   
Samstag, 31. Januar 2009 um 20:20 Uhr
Manchmal lässt sich der grundlegende Unterschied in den verschiedenen Denkweisen zweier Völker besonders gut an simplen Beispielen erklären. Man nehme etwa das Rasenmähen. Jene traumatisierende Pflicht, mit der uns unsere Eltern das Teenagerleben zur Hölle machten, indem sie immer dann, wenn es am wenigsten passte (also quasi nie), mit der suggestiven Anmerkung aufwarteten: „Der Rasen, der könnte schon mal wieder...". Das Schlimmste an dieser Tortur war allerdings nie das Mähen an sich, sondern viel mehr die Tatsache, dass unmittelbar nachdem der erste Grashalm das Zeitliche gesegnet hatte, irgendjemand vorbeikam, um das Schauspiel zu kommentieren. Mit dem Satz „du machst das ja ganz falsch“ begann meist jener Störenfried – wahlweise ein Elternteil, der Großvater, ein Nachbar oder auch ein dahergelaufener Passant – wertvolle Tipps über die Kunst des Rasenmähens zu geben. Besonders beliebt waren solche Anmerkungen vor allem von Menschen, die sich selber nie auch nur in die Nähe eines solchen Gerätes wagten. Darin manifestiert sich für mich bis heute die deutsche Eigenschaft des Besserwissens, jenem Talent, sich immer und überall einzumischen und dem Anderen seine Fehler vorzuhalten, ohne auch nur die leiseste Ahnung von der Materie zu haben.

Sichere Feiertage

In den USA würde mir so etwas nie passieren. Das liegt zum einen daran, dass ich hier nie Rasen mähe. Als ich allerdings jüngst mit einigen Freunden im Rahmen eines Hilfsprojektes einen Garten von den Resten des letzten Wirbelsturmes befreite, löste sich prompt wieder eine Gestalt aus dem Dickicht, um uns freundlich aber bestimmt darauf hinzuweisen, dass wir uns in großer Gefahr befänden. Schließlich, so jener Unbekannte, trügen wir keine Helme und könnten somit jederzeit von herabfallenden Ästen erschlagen werden. Auch sollten wir dringlichst aufpassen, dass wir beim Überqueren der Straße nicht von Autos erfasst würden. Und den Umgang mit Sägen jeglicher Art könnten wir auch direkt vergessen. Nicht auszudenken, was da alles passieren könne. Der Unterschied, man merkt es schon, liegt also darin, dass sich im Land der Freien und Mutigen alle ganz fürchterlich um die Sicherheit ihrer Mitmenschen sorgen. Überall stehen Sicherheitshinweise, sei es auf Kaffeebechern oder Rasenmähern und bei jedem drohenden Wetterereignis – egal ob Schnee, Regen oder Wirbelsturm – hagelt es Emails mit Hinweisen, wie man den bevorstehenden Tod gerade noch so vermeiden könne. Selbst wenn ich nur kurz nach Washington fahre, wünscht man mir beständig eine „sichere Reise“ und zu Weihnachten keine fröhlichen, sondern safe holidays   

Streng nach Vorschrift


Nun ist das Thema Sicherheit ja heutzutage in aller Munde – auch bei uns in Deutschland. Egal ob zur Begründung militärischer Strategien, innenpolitischer Maßnahmen oder bürokratischer Richtlinien – die allgemeine Sicherheit ist immer ein gutes Argument, um langatmige Diskussionen zu vermeiden. Deutschland wird am Hindukusch verteidigt, Terrorismus durch Abhörattacken und Rasterfahndung bekämpft und wer die Auswüchse der Bürokratie noch nicht kennt, kann ja einfach nur mal versuchen, irgendwo eine Pommesbude aufzumachen. Was uns Deutschen somit bestens bekannt ist, nimmt in den USA, und ganz besonders an den Universitäten, hin und wieder groteske Ausmaße an. So gibt es ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem aus eigener Kampuspolizei, studentischen Hilfskräften und professionellen Aufpassern, die alles dafür tun, jegliche Art der Entgleisung schon im Keim zu ersticken. Das liegt einerseits natürlich daran, dass hier eine ganze Horde von unreifen Teenagern – der Großteil der amerikanischen Studenten ist maximal 21 – besonders vor sich selbst geschützt werden muss. Ob andererseits bei Kreislaufproblemen im Fitnesscenter gleich zwei Polizeiautos, ein Krankenwagen und – kein Scherz – ein voll bemanntes Feuerwehrauto von Nöten sind, darüber kann man streiten. Einen solchen Vorgang durfte ich jüngst mit eigenen Augen beobachten. „Das ist streng nach Vorschrift“, erklärte mir ein Freund, während ich kopfschüttelnd den teilnahmslos in der Gegend herumstehenden Einsatzkräften beim Nichtstun zusah. Selbst die betroffene Studentin wusste wohl nicht so recht wie ihr geschah. Sie hat die Rettung übrigens gut überstanden.

Common Sense – oder was?


Die Erkenntnis, dass Amerikaner hier und da ein wenig überreagieren, ist ja nicht neu: Kein Bier unter 21, dafür aber die Knarre neben Dosenmilch und Klopapier bei Walmart. Harmlose Bürger werden vor dem Start aus Flugzeugen geschmissen, weil sie arabisch sprechen und Feuermelder so eingestellt, dass bei jedem verbrannten Toast der ganze Häuserblock evakuiert werden muss. Dafür spart man sich dann die Fahrschule oder eine angemessene Regulierung des Straßenverkehrs, so dass mein Hintermann mit dem geforderten Sicherheitsabstand von 4,35 m in meinem Windschatten Benzin spart, während rechts ein 20-Tonner mit 130 Sachen an mir vorbeidonnert. Sicherheit ist eben relativ und ich werde das – ganz undeutsch – hier und jetzt einfach akzeptieren. Schließlich kann man gelegentlich sogar noch was lernen. Zum Beispiel wie man Rasen mäht. Da macht den Amis keiner was vor.

 

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