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| Wahl-Special 2: Neuer Mann fürs alte Leid |
| Geschrieben von: Christian Wilbers | |||
| Dienstag, 25. November 2008 um 02:45 Uhr | |||
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Mit den Amerikanern ist es ja ungefähr so wie mit den Fans des 1. FC Köln: Kaum ist der Wiederaufstieg geschafft, träumen sie am Rhein schon wieder von der Champions League. Kritische Distanz? Nüchterne Analyse vergangener Fehler? Nix! Alles vergeben und vergessen, jetzt heißt's nach vorne schauen. Alles
vergeben und vergessen, jetzt heissts nach vorne schauen. Volle Kraft voraus! Drei
Wochen ist es erst her, dass ein gewisser Barack Obama eine darniederliegende
Nation reanimiert hat. Doch anstatt sich ruhig der Fehler zu besinnen und die
globale Situation nüchtern zu analysieren, redet das Volk schon wieder von
alter Weltordnung unter amerikanischer Führung und der Rückkehr zu altem
Glanz. Als Deutscher ist man ob solcher Selbstwahrnehmung selbstverständlich
etwas irritiert und möchte anmerken, dass es ganz so einfach ja wohl nicht
werde. Schließlich gebe es doch hier und da auch Probleme. Um zur
Fußball-Analogie zurückzukehren: Es wäre ungefähr so, als hätten sie in Müngersdorf seit zehn Jahren den Rasen
nicht mehr gemäht, den Spielern keine neuen Schuhe gekauft und die Fans wären
ständig randalierend durch die Stadien der Republik gezogen. Da könnte dann
selbst ein Prinz Poldi nicht sofort die Weichen in Richtung Meisterschaft
stellen.
Eine amerikanische Geschichte
Ob Obama das
gelingen wird? Gute Frage. Immerhin hat er in seinem noch sehr jungen Leben
schon so einiges auf die Beine gestellt: Sozialarbeiter in Chicago, dann
Jurastudent, erster afroamerikanischer Präsident des einflussreichen Harvard Law Review, Bürgerrechtsanwalt, schließlich
Repräsentant des Staates Illinois im US-Senat und jetzt einer der jüngsten
Präsidenten der letzten globalen Großmacht. Es ist eine amerikanische
Geschichte, die Geschichte eines Mannes, der sich nicht wegen, sondern trotz der
Strukturen dieses Landes bis ganz nach oben kämpfte; der sich wie ein Schatten
in der Welt der Weißen behauptete und es wohl nur aufgrund seiner
außergewöhnlichen Begabung bis auf den Olymp schaffte. Eine Geschichte wie die
von Jackie Robinson, jenem Baseball-Pionier, den Ende der Vierziger Jahre selbst
seine Mitspieler beschimpften und der im Geschäft nur deswegen überlebte, weil
er im Angesicht von Hass und Rassismus nie die Fassung verlor. Und natürlich, weil er einfach eine Klasse besser war, als eben die Mitspieler, die ihn am liebsten zurück in die Baumwollfelder beordert hätten.
Guantanamo und andere Versehen Doch natürlich machen all die Vorschusslorbeeren noch keinen guten Präsidenten. Wie sich Obama im Amt schlagen wird, das steht in den Sternen. Dem durchschnittlichen Amerikaner bereitet diese Unsicherheit aber keine Sorgen. Gerade die gebeutelten Intellektuellen hier am College haben in den letzten Wochen hörbar tief durchgeatmet und freuen sich jetzt zumindest auf vier Jahre, in denen wieder auf anspruchsvollem Niveau diskutiert werden darf. Vorbei, so hofft man, sind die Zeiten von: Wir-gegen-den-Patriotismus und "gutes" gegen "schlechtes" Amerika. Man wünscht sich die innere Einheit zurück. Ach ja, und Guantanamo, diesen jüngsten Ausrutscher der amerikanischen Geschichte, möge Obama bitte möglichst schnell schließen, damit man dieses dunkle Kapitel endlich hinter sich lassen könne. Selbst Bush wird vermutlich eines Tages als ein solcher Ausrutscher eingestuft werden; als einer, den man vergisst, verschweigt, eine Dissonanz im Konzert der großen Präsidenten. Schließlich gilt es, das Land jetzt wieder zurück zu seinen Wurzeln zu führen. Chancengleichheit, Freiheit, Demokratie. Selbst Obama betonte in seiner Antrittsrede, er wolle diesen alten Glaubenssatz der Gründerväter erneuern. Wörtlich wird er das wohl nicht gemeint haben.
Schluss jetzt!
Aber genug des Zynismus. Wir Europäer sollten uns einen Moment lang mit den Amerikanern freuen,
denn in der Tat haben sie mit der diesjährigen Wahl nicht acht, sondern
zweihundert Jahre trügerischer Ideologien zumindest symbolisch hinter sich
gelassen. Amerikas Schwäche ist auch gleichzeitig die Stärke, sich innerhalb
kürzester Zeit neu zu erfinden und auf neuen Wegen in die Zukunft zu schreiten.
Außerdem haben wir Deutschen wie man hört ja dieser Tage unseren eigenen
Problemhaushalt. Mit uns ist es ja ungefähr so wie mit dem FC Schalke 04: Tolles
Stadion, erstklassige Infrastruktur und eigentlich auch ganz gute Finanzen.
Aber wenn es nach einer halben Stunde nicht mindestens 2:0 steht, fangen die
Fans an zu pfeifen. Die Meisterschaft ist Pflicht und Champions League sollte
es auch schon sein, sonst wird erstmal der Trainer gefeuert. Ach ja, und beim
Abpfiff sind wir meistens blau.
Für den Inhalt dieser Seite bin ich natürlich ganz alleine verantwortlich (und nicht etwa das Amerikazentrum, das mir hier nur eine Plattform bietet). Für Lob, Kritik oder Beschimpfungen jeglicher Art wendet euch also direkt an mich:
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