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Wahl-Special: Ewig grüßt das Über-Ich
Geschrieben von: Christian Wilbers   
Donnerstag, 16. Oktober 2008 um 00:29 Uhr

Knapp drei Wochen sind es noch bis zum vierten November und so habe ich momentan das Privileg, den ganz normalen Wahnsinn einer amerikanischen Wahl live zu erleben. Beschleunigt durch Börsencrash und die peinlichen Auftritte des Duos McCain-Palin kippt die Stimmung zur Zeit deutlich in Richtung Obama. Auch bei uns in Virginia stehen die Zeichen auf Change. Heute, am Vorabend der letzten Debatte, führt Obama in manchen Prognosen mit mehr als zehn Prozent. Selbst mein Mitbewohner, Republikaner durch und durch, sieht seine Partei zur Zeit auf der Verliererstraße und hat nur noch wenig Hoffnung. So erklärte er nach dem letzten Aufeinandertreffen zerknirscht und sichtlich enttäuscht, dass dieses Jahr ein schlimmes für seine Republikaner werden würde. „Wir haben unsere Wurzeln vergessen und eine Niederlage verdient", wetterte er, anspielend auf die jüngsten Manöver von Partei und Regierung, die so gar nicht der liberalen Philosophie von Deregulierung und Laissez-Faire-Kapitalismus entsprechen. „Schau dir an, wo wir stehen. Wer kann es den Menschen da übel nehmen, dass sie der Regierung die Quittung für ihr Verhalten ausstellen.“ Und McCain? „Sein jüngster Auftritt war eine Schande, er wirkte wie ein lächerlicher alter Mann, der verwirrt durchs Bild lief und den ich spätestens seit dieser Debatte nicht mehr ernst nehmen kann.“ Klare Worte, speziell, wenn sie aus den eigenen Reihen kommen.

Eins, zwei, drei Amerikas

„Alles entschieden, alles vorbei“, könnte man denken. Und doch hat die Geschichte der Wahlen in den USA schon oft bewiesen, dass nichts, absolut gar nichts, unmöglich ist. Das Wahlvolk hierzulande gilt als äußerst launisch, emotional und geradezu versessen darauf, eine persönliche Bindung zwischen sich und dem Kandidaten zu entdecken. Bei Barack Obama fällt vielen Menschen das nach wie vor schwer. Denn auch wenn die Zeiten der institutionellen Rassentrennung lange passé sind, reichen die Tentakel der Vergangenheit bis weit in die Gegenwart hinein. Tief verwurzelt in den Fundamenten dieser Gesellschaft findet man Vorurteile und Ängste, die bewusst und unbewusst den Alltag und das Denken bestimmen; weil die Trennlinien zwischen schwarz und weiß, zwischen dem asiatischen, lateinamerikanischen, dem afroamerikanischen und weißen Amerika nach wie vor bestehen, auch wenn sie im Sturm der Zeit nach und nach verwischen. Man stelle sich vor, Deutschland stünde vor dem Abgrund und die einzige Hoffnung wäre ein Mann türkischer Herkunft. Ein Vergleich der natürlich entsetzlich hinkt und dennoch die tiefe Wahrheit beherbergt, dass der Intellekt gegen Angst und Vorurteile oft machtlos ist. Das ist nicht amerikanisch, sondern leider menschlich.

Das Spiel mit dem Feuer

Bedenklich wird es vor allem dann, wenn politische Parteien diese Ängste für sich ausnutzen und versuchen, sie in Wählerstimmen umzuwandeln. Da gab es jüngst den Priester, der vor laufender Kamera seinen Gott um Unterstützung bat, im Kampf gegen die Abermillionen, für die ein Sieg Obamas gleichbedeutend mit einem Sieg „Hindus (!!!!), Buddhas, oder Allahs“ sei. Oder die Menschen, die ohne Scheu Obama in Gestalt eines Affen auf T-Shirts und Plakaten abbilden. John McCain distanzierte sich jüngst und leider viel zu spät von solchen Extremen, als er einer alten Frau das Mikrofon entriss und ihr erklärte, dass, nein, Obama kein Araber sei, sondern ein „anständiger Familienmensch“ (als sei ersteres schlimm und müsse letzteres zwingend ausschließen). Und so hört und sieht man es überall. Menschen, die sich vor Unwohlsein winden und nach allem greifen, um nicht auszusprechen, was tief in ihnen steckt. Obama ein Moslem? Oder gar ein Terrorist? Wo bitte ist die Anstecknadel mit Flagge mit Revers? Und was sind das für Leute, mit denen er sich umgibt? Nur, um schließlich, wenn man nicht nachlässt, doch mit der Sprache herauszurücken, dass, nein, sie nicht Obama wählen werden. Weil er schwarz ist.

Zahlen auf geduldigem Papier

Dennoch schlägt er sich wacker, holt zumindest in den Umfragen Punkt für Punkt selbst im tiefsten Süden und droht nun, gar traditionell republikanisch wählende Staaten wie West Virginia und Colorado zu gewinnen. Obama spricht die Sprache des Volkes, spricht aus, was viele denken und alle hören wollen. Das bedeute, sagt zumindest mein republikanischer Mitbewohner, dass er sich hinter Platitüden verstecke und auch keine Lösungen anböte. Gewinnen werde er trotzdem und das sei vielleicht auch gut so, schließlich brauche die USA endlich einen schwarzen Präsidenten. Springen die Massen vielleicht doch am Ende über ihren Schatten? Zeit sei es allemal, betonte jüngst auch der Obama-freundliche Nachrichtensprecher Chris Matthews von MSNBC, „damit dieses Land endlich und zum ersten Mal seine Versprechen hält.“. Doch noch sind drei Wochen zu überstehen und noch ist gar nichts entschieden. Noch stehen bloß Zahlen auf weißem, geduldigem Papier.

Der Bradley-Effekt

Beim konservativen Fernsehsender FoxNews fragten sie nach der jüngsten Debatte eine ungefähr zehnköpfige Testgruppe, die sich prompt mit überwältigender Mehrheit für Obama aussprach. Daraufhin drehte sich der Moderator zur Kamera und behauptete zum generellen Amüsement aller, diese Umfrage bedeute gar nichts, denn am Ende zähle nur, was die Wähler am Wahltag entscheiden würden. Und auch wenn sich die politisch liberale Medienwelt anschließend ausgiebig über diesen Ausschnitt lustig machte, darf man eines doch nicht vergessen: Am Wahltag werden all diese Menschen mit all ihren Vorurteilen und Ängsten an der Urne stehen. Und dann zählen keine Prognosen, sondern nur das Jetzt und Hier. Dann schaut oder hört niemand zu, wo das Kreuz landet (meist, so die Befürchtung, nicht dort, wo man vorher angekündigt oder hinterher behauptet hatte). Ein Phänomen, das man den Bradley- oder Wilder-Effekt nennt, nach zwei afroamerikanischen Politikern, deren deutlicher Vorsprung in den Prognosen am Wahltag nahezu oder komplett kollabierte. Mein Mitbewohner ist da wenigstens ehrlich. Was er am Wahltag machen werde, frage ich ihn nach seiner jüngsten Tirade gegen die Republikaner?  „Oh, ganz klar,“ antwortet er ohne zu zögern, „da wähle ich McCain.“


 

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