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Kulturschock oder doch fast wie Zuhaus?
Geschrieben von: Christian Wilbers   
Samstag, 27. September 2008 um 02:04 Uhr
Es ist bekanntlich eine der tragischeren Eigenschaften des Auslandsstudiums, dass man ständig ins Ausland muss. Und so zwingt auch mich am Ende eines langen Sommers die Pflicht in den Flieger. Wäre ich gern noch ein wenig länger geblieben? Ja. Freue ich mich auf das neue Semester? In jedem Fall. Diesen Zwiespalt kennt jeder, der dem (Be)ruf in die Ferne folgt - allerdings haben die drei übermüdeten Gestalten, die mich eines Samstag morgens im August zum Bahnhof begleiteten, den Abschied wirklich nicht leicht gemacht. Dreieinhalb Monate, ein Sommer, wie im Fluge vergangen. Man trinkt Kaffee mit alten Freunden, besucht Verwandte, beantwortet Fragen und versucht zu erklären, was genau man da drüben in diesem merkwürdigen Land eigentlich macht. „Amerikanische Kulturwissenschaften“, habe ich meist geantwortet, der Einfachheit halber und weil es ein Gegenstück an vielen deutschen Unis gibt. „Kultur?“, kam häufig postwendend die Antwort, „sowas haben die Amis doch überhaupt nicht.“ Und so richtig ironisch war das dann oft auch gar nicht gemeint. Ja, ja, die Kultur. Stolz der Nation und eines der wenigen Fundamente unserer kollektiven Identität, auf das wir Deutschen uns noch voller Freude auch international berufen können. Aber wie sieht es denn eigentlich aus mit dem „kulturellen Leben“ an einer US-Universität? Muss man sich das vorstellen wie im schlechten Hollywood-Streifen, mit Bier aus Plastikbechern und wild kreischenden Teenagern, die den Ausbruch aus den heimischen vier Wänden feiern, als gäbe es kein Morgen?

Eins, Zwei, Drei - Hot Dog

Ganz so schlimm ist es nicht, auch wenn natürlich wie so oft die filmischen Erwartungen derbe enttäuscht werden. Das gilt zumindest für das ländlich angesiedelte College of William and Mary im winzigen Williamsburg, das mit zwei oder drei halbwegs gut ausgestatteten Kneipen auskommen muss und in dem das Highlight des Freitag abends – kein Scherz – eine äußerst mäßige Karaoke-Party im Restaurant des örtlichen Hotels ist. Aber Kultur ist schließlich nicht gleich Party, schon gar nicht in den USA, wo Alkohol und Nikotin als Schimmelpilze der Gesellschaft gelten und man stattdessen auf Football, Musik, Kino und andere ur-amerikanische Höhepunkte setzt. Das muss ja nicht unbedingt schlecht sein, zumal so ein zünftiges Football-Spiel in einem richtigen Stadion mit Tausenden Fans auch dann ein echtes Erlebnis sein kann, wenn man keinen Plan hat, was da auf dem gestreiften Rasen gerade passiert. Leider ist unsere Uni weder bekannt für seine exquisiten Footballmannschaften noch für seine rauschenden Fanfeste, ganz im Gegenteil. Zwar gewinnt auch unser Team hin und wieder, die Zuschauer sind aber meist pünktlich zur zweiten Hälfte in apathischer Lethargie versunken und vertreiben sich die Zeit damit, Hot Dogs zu mampfen oder darauf zu hoffen, eines der Gratis-Shirts aus der Shirt-Flinte (Erklärung überflüssig) zu ergattern. 

Studiengebühren für Rob Riggle

O. K., Vorurteil bestätigt, aber man soll ja nicht gleich aufgeben. Schauen wir weiter in Richtung Musik und Kino und schon zeigt sich ein Silberstreif am dunklen Horizont. Denn mit dem Geld, das wir Studenten Semester für Semester an die Uni überweisen, wird neben einem Fitnesscenter und zahlreichen anderen Sportmöglichkeiten auch ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm aus Konzerten, Filmvorführungen und beispielsweise Stand Up Comedy geboten. So durften wir in der letzten Woche etwa den hierzulande sehr bekannten Rob Riggle bestaunen, seines Zeichens „Korrespondent“ der verkappten Nachrichtensendung „The Daily Show with Jon Stewart“ (übrigens ein Alumni des College), die in den USA mittlerweile täglich fast zwei Millionen Zuschauer vor den Fernseher lockt und just in dieser Woche mit dem Emmy ausgezeichnet wurde. Auch die Konzerte können sich sehen lassen und wenn abends bei 25 Grad in den Kampusgärten ein Filmchen anläuft, weiß man zumindest, dass man seine Dólares für die Unterhaltung gut investiert hat. Der Unterschied zu Deutschland ist natürlich, dass man hier gar nicht erst gefragt und der Betrag als Teil der Studiengebühren direkt vom Konto abgebucht wird, während man beim kommerziellen Sommerkino in der Heimat wenigstens noch sagen kann: „Nein, acht Euro sind mir heute einfach zu teuer.“.

Molière, Brecht und jede Menge Vinum

Böse Zungen könnten jetzt selbstverständlich argumentieren, dass da kulturell immer noch einiges zu wünschen übrig bleibt. Wo bleiben Theater, klassische Konzerte und Museen? Als Antwort gibt’s von mir nur ein beschämtes Räuspern und das Eingeständnis, dass es zwar sowohl ein hauseigenes Orchester sowie auch eine angeblich ziemlich herausragende Theatergruppe gibt, die zuletzt „Die Streiche des Scapin“ von Molière und Brechts „Mutter Courage“ aufführte. Ich Kulturbanause hatte aber immer schon was Besseres vor. Nur – und das vor allem zu meiner Verteidigung – nur im Museum war ich. Das gilt nämlich als eines der besten Universitäts-Museen der USA, überzeugte im vergangenen Jahr mit einer Ausstellung aus den Uffizien in Florenz und präsentiert zur Zeit astronomische Karten aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit. Mich hat es seinerzeit zwar in die heiligen Gemälde verschlagen, weil ich eingeladen und der Wein exquisit und vor allem umsonst war. Aber die Bilder waren auch schön. Soweit ich mich erinnern kann...

 

 

 

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