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PhD in den USA - lohnt sich das?
Geschrieben von: Wilbers   
Freitag, 16. Mai 2008 um 14:33 Uhr
Irgendwo muss es doch sein. Verzweifelt schichte ich dicke Stapel Papier auf meinem Schreibtisch von links nach rechts, wühle durch Schubladen voller Rechnungen und anderem Krimskrams, von dem ich die Hälfte noch nie gesehen habe. Unter meinem  Bett herrscht das totale Chaos und zwischen Schrank und Tür finde ich diesen Wisch, den letzte Woche das Finanzamt mit meinen Steuerunterlagen verlangt hat. Nur mein Flugticket ist und bleibt verschollen. In der Bib wartet mein Laptop mit einer halbfertigen Hausarbeit, meine Sachen sind auch noch nicht gepackt und morgen Mittag um halb zwei geht der Flieger. Herzlichen Glückwunsch. Willkommen im Alltag des gestressten PhD-Studenten kurz vor der Abreise. Zwei Hausarbeiten in zwei Wochen, zwischendurch noch die Präsentation der Ergebnisse meines ersten Jahres vor dem gesamten Professorenkollegium und natürlich diverse Jahresabschlussfeiern haben mir den Kopf so verschüttet, dass ich mich jetzt schon nicht mehr daran erinnern kann, woran ich mich vor zwei Minuten mit meinem Mitbewohner unterhalten habe. Und natürlich habe ich auch vergessen, dass Flugtickets vor gefühlten zehn Jahren abgeschafft wurden.

Far, far away


Trotzdem sitze ich 24 Stunden später im Flieger nach Frankfurt und freue mich auf den deutschen Sommer. Irgendwie habe ich doch alles geschafft. Na ja, fast. Die Hausarbeit braucht noch ein paar Veränderungen hier und da (zum Glück gibt's Email) und in meinem Posteingang liegen ungefähr 100 Mails von Freunden, die mich vermisst gemeldet und jede Hoffnung auf Rückkehr lange aufgegeben haben. Tschuldigung schon mal auf diesem Wege. Ich hab ständig an Euch gedacht. Wirklich. Während also neben mir die freundlich keifende Lufthansa-Stewardess die Fluggäste beleidigt, frage ich mich, ob es das denn alles wert war. Lohnt es sich, für so lange Zeit in ein fremdes Land aufzubrechen und zu riskieren, in der Heimat alle Brücken abzubrechen? Verpasst habe ich im letzten Jahr immerhin die Hochzeit eines meiner besten Freunde, den 30. Geburtstag eines anderen und zahlreiche Treffen, von denen ich nur am Telefon hörte oder Fotos im Internet bewunderte. Lohnt sich der Schritt in die USA für so lange Zeit, denn in meinem Fall kann eine Promotion schonmal fünf oder sechs Jahre dauern?

Geld oder Leben 

Wer bereits versucht hat, sich mit einem Magister-Abschluss in Deutschland zu bewerben, weiß, dass sich die Unternehmen der freien Wirtschaft nicht gerade die Finger nach uns lecken. Nach fünf Jahren Studium schwanken die Angebote zwischen untertariflich bezahlten Volontariaten und gar nicht bezahlten Praktika. Da klingt ein voll finanziertes Studium an einer renommierten US-Uni doch schon viel besser. Allerdings ist in meinem Visum das Jahr 2012 eingraviert. Nächstes Jahr werde ich 30 und meine Freunde gründen Familien während ich in fernen Ländern mein Glück suche. In Deutschland ziehen Menschen in meinem Alter aus der Studenten-WG in die eigene 4-Zimmer-Wohnung mit Freund/Freundin und Hund/Katze. Dagegen sitze ich ab August wieder im Wohnheim und zahle 650 Dólares für zwölf Quadratmeter (Klopapier inklu). Und während ich weiterhin in der Bibliothek die Geheimnisse der amerikanischen Kultur ergründe, klettern andere auf der Karriereleiter steil nach oben und werden vom Praktikanten zum zeitlich befristeten Angestellten oder vom Trainee zum Junior-Consultant. Dafür kenne ich jetzt die Geheimnisse des amerikanischen Gesundheitswesens. Ist doch auch was.

Die richtige Frage zur richtigen Zeit

Zeitdruck hin, Stress her: Wer sich nach langen Jahren verstaubtem, deutschen Uni-Leben noch nicht endgültig in den Arbeitsalltag verabschieden und gleichzeitig sein umfangreiches Repertoire an Fach- und Kulturkenntnis noch ein wenig erweitern möchte, dem sei eine Promotion in den USA nur empfohlen. Egal, in welchen Bereich es letztlich geht, ob Geistes- oder Naturwissenschaften, Jura oder BWL, die work ethic  im Land der unbegrenzten Arbeitszeiten bietet ideale Voraussetzungen zur Selbstreflexion. Wie lange will ich eigentlich arbeiten? Ist es besser von neun bis fünf (oder sieben oder acht) mit dem Chef im Rücken im Büro zu sitzen oder will man doch lieber noch eine Zeit lang sein eigener Herr sein, auch wenn die Arbeit nach 40 Wochenstunden garantiert nicht getan ist? Wieviel Zeit bin ich bereit zu investieren? Und wäre es nicht besser, mit dem Geld verdienen anzufangen? Alles legitime Fragen, die man sich stellen sollte, ehe man den Schritt wagt. Selbst nach zwei Semestern bin ich oft noch unsicher, ob ich alles richtig gemacht habe - ob diese großartige Erfahrung all die Einbußen wert war. So viel steht fest: Im August geht der Flieger zurück in den amerikanischen Süden. Dort wartet ein weiteres Semester Scheine sammeln, ein herrlicher Spätsommer und ein historischer Wahlkampf, den ich unbedingt erleben will.  
 

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