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Geschrieben von: Christian Wilbers
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Montag, 31. März 2008 um 01:11 Uhr |
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Okay, okay, zugegeben, der Titel ist jetzt ein bisschen reißerisch. Professor, so weit ist es selbstverständlich noch nicht. Aber theoretisch ist der Plan von fast jedem PhD-Studenten, wie mir hier am College of William and Mary, sich eines Tages irgendwo mit dem geballten Wissen der Amerikanistik im Kopf als Professor niederzulassen. Und da man merkwürdigerweise in den USA für sein Stipendium arbeiten muss, kam irgendjemand auf die Idee, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Deshalb trage ich jetzt urplötzlich die Verantwortung für eine komplette Unterrichtsstunde. Eigentlich eine gute Nachricht, schließlich ist jede Herausforderung ein Schritt nach vorn. Schlecht ist dagegen, dass der Treffpunkt zwei Uhr nachmittags Schlafenszeit ist und somit das Interesse an einer „Diskussion“ meist gen null tendiert. So sitze ich nun einmal die Woche umringt von müden Gesichtern im Seminarraum und frage mich, wer hier eigentlich wen unterrichtet. Profitieren tatsächlich die Studenten von meiner jahrzehntelangen Erfahrung oder bekomme ich etwa gerade eine Lektion in der Kunst des Motivierens/Aufweckens? Letzteres ist wahrscheinlicher. Das wurde mir vor Kurzem bewusst, als nach gefühlten zwanzig unbeantworteten Fragen auch bei der allerletzten alle Hände unten blieben: „Hat eigentlich irgendjemand hier im Raum das Buch überhaupt gelesen?“
Etwas Aufmerksamkeit, bitte!
Aber nein, jetzt stelle ich die jungen Amerikaner in ein schlechtes Licht, denn was dem durchschnittlichen Studenten an einer anspruchsvollen Uni alles abverlangt wird, dürfte seinem deutschen Gegenüber den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Wenn ich meine lustigen ersten Semester mit dem Dauerstress hier vergleiche, bin ich froh, nicht schon direkt nach dem Abi den Schritt über den großen Teich gewagt zu haben. Da reihen sich Tests an Hausarbeiten, Vokabeln an Fremdwörter und Footballspiele an Bandproben. Zwischendurch muss man noch 400 Nachrichten am Tag bei Facebook schreiben und mindestens eine Stunde lang sein Handy auf dem Kampus spazieren tragen. Dass da am Ende das eine oder andere Buch auf der Strecke bleibt, ist natürlich kein Wunder. Jedenfalls ist der Akku Mittwoch mittags um zwei Uhr scheinbar ziemlich leer und ich bleibe mit meinen ersten Schritten als Diskussionsleiter im Morast der Müdigkeit stecken. Was tun? Kaffee für alle? Red Bull? Vielleicht schenkt mir mal jemand einen Ratgeber über die Kunst des Motivierens. Ansonsten sehe ich schwarz.
Ehre, wem Ehre gebührt
Aber wie immer: Kein dunkler Horizont ohne Lichtblick. Letzte Woche entwickelte sich aus dem Nichts eine lebhafte Diskussion, als wir auf das Thema der Klausuren zu sprechen kamen. Die sogenannten Mid-Terms (etwa: Semester-Zwischenprüfung) waren gerade absolviert und die Umstände, nun ja, könnte man schon kurios nennen. So entschied sich der leitende Professor den Studenten vier Aufgaben zu stellen, die Zuhause in zwei Stunden und in Form von kurzen Aufsätzen zu bearbeiten waren. So weit, so gut, der Knaller kommt allerdings noch: Es durften keine Bücher zu Hilfe genommen werden. Dieses Format nennt man hierzulande kurz take home – closed book. Dazu eine kurze Erläuterung: Fast jede Uni in den USA hat einen sogenannten Honor Code, auf den die Studenten meist zu Beginn ihres ersten Jahres schwören – vielmehr: Sie schwören ab. Denn mit dem Schwur verpflichtet sich ein jeder nicht zu lügen, zu betrügen, zu stehlen oder zu kopieren und auch sonst dem Ruf und Ansehen der Schule nicht zu schaden. Das mag man als Deutscher noch mit einem Grinsen abtun, in den USA werden solche Codes allerdings sehr ernst genommen. Und am College of William and Mary ist er oberstes Gebot. Schließlich stammt die Version, auf die hier Jahr für Jahr die Studenten ihren Eid leisten aus dem Jahr 1779 und ist somit der älteste Honor Code der USA. Eingeführt wurde er damals übrigens von niemandem Geringeren als dem Gouverneur von Virginia höchstpersönlich: Thomas Jefferson.
Wer hätte das gedacht?
Aber zurück zum Thema: Als wir in meiner Diskussionsrunde auf Sinn und Unsinn dieser Regeln zu sprechen kamen, entwickelte sich tatsächlich ein wilder Austausch von Meinungen, an dessen Ende sich trotz einiger Unstimmigkeiten ein beeindruckender Konsens herausbildete: Das System funktioniert vor allem aufgrund seiner explosiven Mischung aus drohender Exmatrikulation bei Verstoß gegen den Honor Code, völliger Überschätzung der Gefahr, erwischt zu werden und großer Unsicherheit, sich allzu sehr von den Leistungen seiner Kommilitonen zu unterscheiden. Interessant war dabei besonders die Tatsache, dass sich einige Studenten strengere Regeln wünschten und die Tests am liebsten im Klassenzimmer unter Aufsicht schreiben würden. Schließlich, so das Argument, könnten nur so Fairness und Chancengleichheit sichergestellt werden. Zwar gestanden die meisten ein, während der Bearbeitung zumindest mal einen Blick in ein Buch oder ins Internet geworfen zu haben; am Ende, da war man sich einig, würden aber doch diejenigen bestraft, die sich am genauesten an die Regeln hielten. Wer hätte das gedacht? Tief im Innern sehnen sich Studenten nach Regeln und Normen, so wie bei uns, wo man vor jeder Klausur mit Studentenausweis in den Hörsaal kommt und wo Hilfskräfte jeden Pinselstrich beäugen, als stünde die nationale Sicherheit auf dem Spiel. Wo der gute, alte Spickzettel noch Waffe im Kampf gegen das autoritäre System ist und verschnörkelte Tattoos in Wahrheit chemische Formeln und mathematische Ableitungen verbergen. In den USA zählt dagegen die Ehre. Wie langweilig.
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