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Zu Besuch bei Barack
Geschrieben von: Wilbers   
Montag, 11. Februar 2008 um 19:12 Uhr
Eigentlich wollte ich dieses Mal über Sport schreiben. Über die Superbowl, das tolle Fitness-Center und unsere semi-professionellen und sündhaft teuren Sportmannschaften. Stattdessen mal was ganz anderes, ein kleiner Exkurs in die echte Welt; eine Geschichte darüber, warum es sich auch heute noch lohnt, eine längere Zeit in den USA zu verbringen. Die ganze Welt schaut ja derzeit gespannt auf die Wahlen und den Zweikampf Hillary gegen Barack. Vielleicht ist der Eine oder Andere auch schon ein wenig genervt vom Thema. Aber da müsst ihr jetzt durch, denn was momentan hier abgeht ist wirklich einmalig. Vor vier Jahren hatte ich schonmal das Glück, einen Wahlkampf in den USA zu erleben, aber der war in keinster Art und Weise vergleichbar mit der Welle aus Hoffnung und Euphorie, die das Land in diesem Frühjahr überrollt. Wenn sich politische Lethargie umgekehrt proportional zum gefühlten Wohlstand entwickelt, muss es den Menschen hierzulande echt schlecht gehen. Gestern hatte ich nun die einmalige Gelegenheit, hautnah politische Luft zu schnuppern und den vielleicht nächsten Präsidenten der USA live zu sehen. Aber eins nach dem anderen.


Pragmatismus oder Wahlkampf?

Ich bin ja generell eher der lethargische Typ und Spontaneität liegt mir ungefähr so nahe wie nachts um drei mal eben ne Runde um den Block zu joggen. Es braucht also meist zehn Pferde (oder eine schöne Frau), um mich aus dem Haus zu locken. Gestern hatte ich mich auf einen gemütlichen Nachmittag in der Bib mit einem Schmöker über die philosophischen Grundlagen des amerikanischen Pragmatismus (Knaller!) eingestellt. Dann bekam ich allerdings einen Anruf, und soviel sei an dieser Stelle verraten: Es waren keine zehn Pferde. Kurze Zeit später saß ich im Auto nach Virginia Beach. Dort, so hieß es, würde Barack Obama eine heiße Wahlkampfrede halten. Nach einer Stunde Fahrt kündigte sich schon an der Ausfahrt an, dass auch der eine oder andere Amerikaner sich dieses neue Gesicht am Politiker-Himmel genauer ansehen wollte. Und so dauerte es fast eine weitere Stunde, ehe wir die fünfhundert Meter vom Highway bis zum Convention Center in Virginia Beach hinter uns gebracht hatten. Vor den Toren dieser riesigen Halle, die ansonsten Großveranstaltungen ein überdimensionales Dach über dem Kopf bietet, wurden allerdings all unserer Erwartungen übertroffen.


Menschen, Menschen, jede Menge Menschen

Anfangs schien es überraschend ruhig, doch je näher wir dem Eingang kamen, desto deutlicher zeichnete sich eine Wand bestehend aus geduldig wartenden Menschen am Horizont ab, die schier endlos zu sein schien. Und das war sie auch. Fast. Das letzte Mal, dass ich eine geschätzte sechs- oder siebenhundert Meter lange Schlange gesehen habe, wäre ich am liebsten umgedreht und hätte mich woanders eingeschrieben (das nur so als kleiner, fieser und natürlich völlig überzogener Seitenhieb auf die Uni Münster, die ich ansonsten über alles liebe). Anders gesagt: Die Schlange war so lang, dass wir schon jegliche Hoffnung aufgaben, den guten Barack überhaupt noch zu Gesicht zu bekommen. Doch nach einer weiteren halben Stunde, merkten wir plötzlich, wie sich weite Teile der Schlange auflösten und die Menschen ungezügelt in Richtung Eingang strömten. Nein, sie rannten. Als gäbe es Pizza und Bier umsonst, serviert von Barack himself. Tatsächlich hatten sich die Veranstalter entschieden, einen zweiten Teil des Centers freizugeben und Obama zweimal sprechen zu lassen. Das war nicht nur provisorisch und spontan, sondern lief auch noch – und das ist angesichts des amerikanischen Sicherheits-Wahns wirklich beeindruckend – völlig ohne Security-Check und Polizei ab.

Heiß auf Obama

Um es kurz zu machen: Die Euphorie war enorm. In Deutschland geht man zu einer Wahlkampfveranstaltung, isst 'ne Bratwurst, wirft ein paar Eier, egal auf wen und geht wieder. Die Menschen in Virginia Beach waren heiß. Die wollten ihren Barack sehen und zwar sofort und um jeden Preis (das bekamen dann vor allem die armen Vorredner zu spüren). Als er schließlich mit einiger Verspätung auf die Bühne trat, kannte der Jubel wahrhaftig keine Grenzen und so manches seiner elegant vorgetragenen Worte ging in überschwenglichem Applaus unter. Applaus gespendet von schwarz und weiß, alt und jung, scheinbar sogar von rechts nach links. Denn als Obama in seiner Rede die vielen republikanischen Wähler ansprach, die zum ersten Mal demokratisch wählen würden, nickten zahlreiche Menschen bekennend (und beschämt?). Dass seine Rede am Ende mit wenig Inhalt auskam und von seinem Charme und Charisma lebte, dürfte die wenigsten überrascht haben. Amerikaner wählen ihre Präsidenten nunmal nach persönlicher Sympathie und nur sekundär wegen politischer Programme. Und da, das scheint von Primary zu Primary deutlicher zu werden, spricht dieser Barack Obama einfach mehr Menschen an.

Eine Trendwende?

Was das jetzt mit Studium in den USA zu tun hat? Eigentlich nichts. Aber egal wo man seine Auslandssemester so verbringt, es lohnt sich einfach solch Geschichte(n) mitzuerleben (wenn man denn charmant darauf hingewiesen wird). Acht Jahre Bush sind eine lange Zeit und wenn ich darüber nachdenke, wie sich das USA-Bild unserer Generation, der Generation der Studenten, in den letzten acht Jahren verändert hat, könnte diese Wahl eine echte Trendwende bedeuten. Vielleicht auch nicht. Vielleicht sind alle Politiker nur große Redenschwinger. Und vielleicht bin ich auf einen Politiker-Trick reingefallen, als Obama sagte, dass das Image der USA in der Welt eines seiner größten Anliegen sei. Aber man wird ja wohl noch hoffen dürfen.
 

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