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Semester 1 - Auf der Zielgeraden
Geschrieben von: Christian Wilbers   
Montag, 14. Januar 2008 um 17:38 Uhr

Williamsburg im Dezember. In diesen Tagen, während in Deutschland der Regen an die Fenster klatscht und Wolke um Wolke über das Land kriecht, bin ich jeden Morgen aufs Neue recht zufrieden, wenn ich der strahlenden Sonne des amerikanischen Südens entgegen blicke. Nach einem wahrhaftig herrlichen Herbst messen die Thermometer trotz kühler Nächte jetzt wieder bis zu 20 Grad am Mittag und die Eichhörnchen turnen nach wie vor mit spielerischer Freude von Baum zu Baum. Ausgestattet mit den Grundlagen des amerikanischen Frühstücks – Kaffee und Donut – gehe ich gemächlich über den malerischen Campus hier am College und freue mich auf einen produktiven Tag in der Bibliothek. Freuen? Ob ich jetzt völlig verrückt geworden bin? Nein, aber die professionelle Umgebung einer hervorragend ausgestatteten Bib setzt völlig neue Kräfte frei. Das ist wohl die berühmte Arbeitsatmosphäre, von der ich irgendwo schonmal gehört, an der Uni Münster allerdings nur geträumt habe: Ein individueller Arbeitsplatz, beste Ausstattung mit Computer oder Notebook, die neuesten Bücher allesamt vorrätig (und nicht versteckt) und zahlreiche Zeitungen (sogar Zeit, Spiegel, und Stern) für die kurze Pause zwischendurch. Da kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen – und darf es leider auch nicht.


Multiple Choice oder doch nur zwei Hausarbeiten?

Denn die Wochen der sogenannten “Finals” sind Stress pur – egal ob für die jüngeren “Undergraduates” mit Ziel Bachelor oder uns “Graduate Students”, die wir einen Master oder so wie ich den PhD anstreben. Es unterscheiden sich lediglich die Aufgaben. Denn wo im verschulten Undergraduate-Bereich vor allem die berüchtigten “Multiple Choice”-Tests warten, müssen wir Hausarbeiten einreichen, die es allerdings auch in sich haben. Während ich in Deutschland meist um die vier Wochen an einer 20-seitigen Arbeit saß, habe ich hier gerade einmal zwei Wochen – für zwei Arbeiten wohlgemerkt. Zwar hatte ich in weiser Voraussicht schon hier und da mit dem Schreiben begonnen, dennoch bin ich jetzt ziemlich unter Druck. Mein Tag besteht also aus Aufstehen-Essen-Bib-Sport-Bib-Essen-Schlafen gehen. Und wer sich das nicht zutraut, sollte auch von einem kompletten Studium in den USA absehen. Denn was den Arbeitsethos angeht, sind uns (oder vielmehr mir) zumindest die kleinen Amerikaner hier am College um einiges voraus.


Schlafzimmer Bibliothek

Allerdings erst ab elf Uhr. Wer dagegen schon morgens früh eintrifft, ist zunächst verwundert angesichts des etwas ungewöhnlichen Bildes. Da liegen nämlich massenweise völlig übermüdete “freshmen” (die Jüngsten) in den Sesseln und Sofas und schlafen den Schlaf der Friedlichen. Nach durchlernter Nacht bietet ironischerweise am Morgen die Bibliothek den einzigen Ort, an dem Ruhe und Frieden herrschen. Und so schleppen sich die jungen Wilden im morgendlichen Lärm des erwachendes College in die Bibliothek, suchen sich einen gemütlichen Liegeplatz und holen den verlorenen Schlaf der vergangenen Nacht nach. Diese doch recht ungewöhnliche Angewohnheit macht erst dann Sinn, wenn man einmal ein amerikanisches Wohnheim von innen gesehen hat. Meist liegen die Studenten zu zweit oder dritt in winzigen Zimmern, getrennt von ihren Nachbarn nur durch lächerliche Papierwände, die teilweise nicht einmal den Schall des gesprochenen Wortes abhalten können – geschweige denn das Klappern und Knallen von Tellern und Türen, das nervtötende Piepen der Mikrowelle oder das Dröhnen der Putzkolonne.


Wohnheim und Weihnachtsgans

Bei uns Älteren ist zwar auch nicht alles Gold was so glänzt, aber immerhin bekomme ich meinen Schlaf und habe mein eigenes Zimmer, dessen Tür ich hinter mir schließen kann, wenn ich einfach mal meine Ruhe brauche. Meine Mitbewohner haben das wilde Party-Leben schon hinter sich und teilen meinen Alltag aus Sport-Uni-Essen-Schlafen, so dass wir weitestgehend nur unsere Spuren sehen, nicht aber einander. Ein WG-Leben à la Deutschland kommt so leider nicht zu Stande, aber immerhin gab es in den letzten Monaten hier und da die Möglichkeit auf einer Party ein kühles Bier zu trinken. Daran ist jetzt natürlich nicht mehr zu denken, allen hier im Wohnheim steht der Stress ins Gesicht geschrieben und wir freuen uns auf Weihnachten, ein paar ruhige Tage ohne Bücher und den Duft von gebratener Gans im Ofen unserer Großmütter. Ich nehme dafür dann auch gerne wieder norddeutsches Mistwetter in Kauf. Während also rund um mich herum die ersten Freshmen aufwachen, stürze ich mich auf die Bücher. Die Ziellinie der ersten Etappe ist fast erreicht und ich kann die Gans fast schon schmecken.

 

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