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Kleiderordnung und andere Sitten
Geschrieben von: Chang-Hwan Kim   
Donnerstag, 15. November 2007 um 01:00 Uhr

Was habt ihr angezogen, als ihr das letzte Mal am späteren Abend noch für drei oder vier Stunden in die Uni-Bib gegangen seid (gesetzt den Fall, die Bib eures Vertrauens hat nach acht überhaupt geöffnet)? Die Juristen das Jackett, die BWLer das Polohemd, die Sportler lockere Jeans und Longsleeve? Oder sind das alles nur Vorurteile? Zieht ihr euch nach Lust und Laune an oder bleibt gar kühn in denselben Klamotten, die ihr schon den Rest des Tages anhattet? Wie auch immer: Hier am College of William and Mary, zugegeben in der amerikanischen Provinz, wird sich umgezogen. Weg mit Schlabberjeans und T-Shirt, rein in Jogger und Schlumpf. Der Kreativität scheinen dabei keine Grenzen gesetzt. Da wird gerne neon-grün mit neon-pink kombiniert und grau mit grau. Neulich habe ich es mal ausprobiert und bin auch ganz lässig in Basketball-Shorts und Kapuzenpulli durch die Bücherwände marschiert. Und wisst ihr was? Das ist ganz schön bequem!


Muss ich mir Sorgen machen? Drei Monate bin ich jetzt schon hier und der Prozess der Anpassung beginnt so langsam. Denn auch, wenn wir Deutschen immer denken, die USA aus dem Fernsehen in- und auswendig zu kennen, ist das hier wirklich ein fremdes Land, eine fremde Kultur, an die man sich genau so gewöhnen muss, wie in Neuseeland, Argentinien oder Südafrika. Vor allem, wenn es einen in den Süden verschlägt. Im Nordosten scheint es im Vergleich wesentlich europäischer zuzugehen. So versicherte mir ein Freund, der vormals an Elite-Unis Princeton und Columbia sein Unwesen trieb, dass dort die Kleiderordnung deutlich restriktiver sei. Hier allerdings, in Virginia, ein halbe Stunde entfernt von der alten Konföderierten-Hauptstadt Richmond, leben wir unseren eigenen Rhythmus, bestimmt von subtropischem Klima, südstaatlicher Lebensart und dem Wissen, dass neon-grün und neon-pink eigentlich wirklich gut zusammenpassen.

Ein weiterer Unterschied zur Ellenbogengesellschaft der nordöstlichen US-Hemisphäre („auf dem Campus rennen sie sich gegenseitig über den Haufen“, so derselbe Freund) ist die stereotype Freundlichkeit der Amerikaner, die sich hier in ihrer ganzen Bandbreite entfaltet. Da sagen alle ständig „sorry“, wenn sie sich nicht im Weg stehen, „thanks“, wenn es keinen Grund zum Bedanken gibt und „how are you“, obwohl sie das Wohlbefinden des anderen zu null Prozent interessiert. Aber all das dürfte dem Amerika-Kenner bereits bekannt sein. Schwierig wird es erst, wenn es im Unterricht mal zu einer Diskussion kommt. Denn da versteckt so mancher Amerikaner ganz fiese Kritik hinter einem ganzen Strauß rhetorischer Blumen, so dass ich schon ganz genau hinhören muss, um zu merken, dass mein tolles Argument gerade komplett auseinander genommen wird. Und dann gibt es natürlich noch eine Schwelle namens „political correctness“, derer sich alle sehr genau bewusst sind und die zumindest offiziell niemals überschritten wird. Wer also etwas sarkastisch herkommt oder seine Argumente gern mit kontinental-europäischem oder gar britischem Humor würzt, fängt sich schnell einen Rüffel ein. Und den dann auch sehr direkt.

Wer sich allerdings die Mühe macht, genau hin zu hören und versucht zu verstehen, warum einige Dinge gesagt werden und wieder andere nicht, der hat gute Chancen auch den alltäglichen Dialog zwischen Politikern und den Medien besser zu deuten. Mir ist das zwar noch nicht komplett gelungen, aber ich bemühe mich und bin ganz guter Hoffnung, irgendwann mehr über dieses fremde Land zu wissen. Allerdings muss ich zugeben, dass dieses ganze um-den-heißen-Brei-Herumgerede auch ganz schön nerven kann. So war ich vor einigen Wochen fast schon dankbar, während eines Kurzurlaubs in Boston von einer Angestellten der U-Bahn förmlich zusammengefaltet worden zu sein, weil ich es gewagt hatte, eine Frage zum Erwerb von Fahrkarten zu stellen. Außerdem vermisse ich einen ehrlichen Kassierer im Supermarkt oder einen Schaffner in der Bahn, der mir ganz deutlich zeigt, dass ihn meine Tagesform kein Stück interessiert. Aber da muss ich mich noch ein paar Wochen gedulden. Jetzt werde ich erstmal allen beweisen, aus welchem Holz ich geschnitzt bin und in Designerjeans und Boss-Hemd in die Bibliothek gehen. Take that, Suckers!

 

 

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