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Bücher, Bücher, Bücher
Geschrieben von: Chang-Hwan Kim   
Montag, 15. Oktober 2007 um 01:00 Uhr

„Es gibt ein paar Dinge, die du lernen musst“, erklärte mir Mike, mein freundlicher Berater, der am ersten Tag noch mit Sandwiches und Komplimenten aufgewartet hatte, bei unserem ersten Gespräch unter vier Augen. „Zum Beispiel, dass man den Sinn vieler Bücher verstehen kann, ohne sie Wort für Wort zu lesen.“ Ich lächelte entspannt, motiviert und willens, jeden Tag mindestens 23 Stunden in der Bibliothek zu verbringen. „Es wird Tage geben, da musst du ein 400 Seiten dickes Buch am Stück durchkauen“, fuhr er fort und stellte sofort die rhetorische Frage: „Wie man das macht? Finde es heraus! Das lernt man nicht von heute auf morgen und jeder muss seinen eigenen Weg finden. Ich wette aber, dass wir in sechs Wochen wieder hier sitzen werden und du mir völlig entkräftet erklären wirst, dass du es nicht schaffst.“ Das wollen wir doch mal sehen, dachte ich damals und machte mich, den ersten 300-Seiten-Kracher unter dem Arm, auf den Weg in die Bücherwelt.

Sechs Wochen später starre ich apathisch auf den Stapel Bücher, der in meinem Zimmer vor mir liegt. Vierzehn oder Fünfzehn Stück sind es bestimmt, mehr als in einem ganzen Semester deutscher Uni. Ich muss an Mikes Worte denken und fühle mich wie ein kleiner Junge, der sich eingestehen muss, dass Mama schon wieder Recht hatte. In gewisser Weise passt der Vergleich sogar ziemlich genau, denn der alte Mike hat wahrscheinlich so manchen Studenten kommen und gehen sehen. Gleich habe ich Seminar und wieder ist es mir nicht gelungen auch nur ansatzweise bis zum Ende zu kommen. Diese Woche lesen wir Beaudrillard und Marx und einen Herren names Appandurai, alles auf einmal und alles durcheinander. Bis jetzt war es jede Woche das gleiche Spiel: Ich beginne mit Seite eins, versuche zu verstehen, schlage nach und plötzlich rennt die Zeit davon. Die letzten Körner der Sanduhr verrinnen scheinbar mit doppelter Geschwindigkeit, während sich die letzten Seiten unendlich in die Länge ziehen.

Schlimmer noch: Meist sitze ich bis fünf Minuten vor dem Seminar noch in der Bib, nur um dann festzustellen, dass sich das Gelesene irgendwo in meinem Gehirn versteckt und ich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe. Das kann in Kombination mit der fremden Sprache, in der ich mich nunmal bewege und mit der sehr akademisch umgegangen wird, zu einer relativ hohen Frustrationsrate führen. Sollte mir mal was Spannendes einfallen, suche ich viel zu lange nach den Worten, um das Paket auch ansprechend zu verpacken. Denn wenn ich soweit bin, ist der Zug schon zwei bis vier Stationen weiter, während ich im Sprint versuche, ihn wieder einzuholen. Anschließend fühle ich mich müde, ausgelaugt und würde am liebsten zwei Tage lang schlafen. Geht aber nicht, denn schließlich wartet schon das nächste Buch auf mich.

Aber kein Horizont ohne Silberstreif. Einer der Professoren verpflichtet uns mittlerweile dazu, am Abend vor dem Seminar eine rund 500 Worte lange Zusammenfassung des jeweiligen Buches einzureichen. Das ist nicht etwa Schikane, sondern soll uns zwingen, eben schon einen Tag vorher mit dem Text fertig zu sein und dann eine Nacht darüber schlafen zu können. Der Effekt ist verblüffend, vor allem in Kombination mit der dreistündigen Sitzung, in der wir jeden Text ordentlich durchkauen, so dass wider Erwarten eine Menge hängen bleibt. Kleine Erfolgserlebnisse auf einem langen Weg. Wohin? Na ja, darüber hat ja bekanntlich schon Faust gegrübelt. Für mich ist es aber eher wie bei Herberger: Nach dem Buch ist vor dem Buch. Bei so viel Weisheit kann Goethe einpacken.

 

 

 

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