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Ich sitze in einem komfortablen Ledersessel an einem langen Tisch aus Mahagoniholz und an dessen Ende sitzt Mike. Mike ist unser Freund, das hat er schonmal klargestellt und auch, dass wir alle schon bald eine große Familie sein werden. Wir, das sind Brian, Stephanie, Tim, Amber, Matt, Jennifer und ich, sechs Amerikaner und ein Deutscher in ihrer ersten Woche am College of William and Mary in Williamsburg, Virginia. Und unsere Familie, das sind die rund 80 Leute, die sich im „American Studies“-Programm tummeln. Und Mike ist quasi das Oberhaupt, der Kopf der Familie. Gleich werden wir uns alle vorstellen, unsere Ziele, Wünsche und Interessen. Der Eine wird sagen, dass er seinen M. A. machen will, die Andere promovieren, wir werden davon berichten, dass wir an Jazz oder afroamerikanischer Kultur, an kolonialer Geschichte oder amerikanischem Konsumverhalten interessiert sind. Unsere Mägen sind gut gefüllt von den bereit gestellten Sandwiches und so vergessen wir - nun ja, ich zumindest - die lange, zurückliegende Woche, an deren Ende mein Konto geplündert war und meine jugendliche Euphorie - niedergestreckt von der tristen Realität - am Boden lag.
Wer in den USA studieren will, muss eines von Anfang an wissen (und vor allem finanziell einkalkulieren): Nichts ist so wie in Deutschland. Da gibt es keine Mensa, die uns Hungrige für 1,90 Euro mit einer deftigen Mahlzeit versorgt, kein Wohnheim, dass für 150 Euro billig Unterkunft anbietet, keine Bücher vom Grabbeltisch und schon gar keine Paar-Hundert-Euro-ach-so-schlimme Studiengebühren. Ganz im Gegenteil. Wer hier anfängt, wird nach einem überschwänglichen Hallo erstmal mit Rechnungen überhäuft. Das Zimmer im Wohnheim? 613 Dollar im Monat. Das Essen? 9,35 Dollar pro Mahlzeit. Die Bücher? Eine Freundin hat gerade 180 (in Worten: Einhundertachtzig) Dollar fürs Spanischbuch ausgegeben. Über Studiengebühren rede ich besser nicht, vor allem, weil ich sie zum Glück dank Stipendium nicht selber zahlen muss. Berechnet werden sie mir trotzdem und wenn ich sie zahlen müsste, wäre ich in jedem Fall bald bankrott. Nur so viel: Es kommen fünf Zahlen darin vor.
Das nur zu Uni.
Denn ganz in amerikanisch-immigrantischer Tradition kam ich schwer beladen am Flughafen an und hatte eigentlich trotzdem nichts dabei. Geschirr, Besteck, Bettzeug, ein Telefon, einen Drucker, einen Mülleimer, einen Duschvorhang: Fehlanzeige. Also führte mich der erste Trip mit meinen neuen Mitbewohnern zum amerikanischen Konsumtempel Walmart. Und auch wenn dank Dollarkurs und Tiefstpreisen alles spottbillig war, ging der Einkauf mächtig ins Geld. Als wenige Tage später die erste Kreditkartenrechnung ins Haus flatterte, war auch erstmal finanzielle Ebbe angesagt. Und da die nächste Flut erst in einigen Wochen in Form des ersten Schecks vom Arbeitgeber College eintrifft, bin ich ganz froh, dass es zur Begrüßung bei „American Studies“ Sandwiches umsonst gibt.
Eine Woche lang verbringt man also nur damit, von Pontius zu Pilatus zu rennen und zu bezahlen, auszugleichen und zu tilgen. Doch nach anfänglicher Panik erahne ich so langsam die etlichen Vorteile. Denn wenn ich im deutschen System immer nur der Bittsteller bin, der um zehn Minuten Sprechstunde, einen kurzen Termin im Magisterprüfungsamt (montags und donnerstags zwischen neun und halb elf) oder lediglich um einen Platz im Seminar bettelt, bin ich hier Kunde. Und der Kunde ist nunmal König. Die etlichen uns Deutschen vielleicht etwas abstrus erscheinenden Rankings ermöglichen dem Studenten hierzulande die Wahl, bewerten den Anbieter Universität nach allen erdenklichen Kriterien und verpflichten die Unis gleichzeitig zur Leistung. Das Ergebnis ist ein perfekt organisiertes und durchstrukturiertes Umfeld, von dem wir in Deutschland nur träumen können. Kleines Beispiel zum Einstieg: Am ersten Tag bekomme ich eine handliche Chipkarte, die gleichzeitig Studentenausweis, Bibliotheksausweis, Mensakarte, Semesterticket, Kopierkarte, Fitnessausweis und noch vieles mehr ist (Kostenpunkt: 20 Dollar). Auf dieser Karte ist die Matrikelnummer verzeichnet, anhand derer ich im Laufe des Semesters auf meinem Laptop Rechnungen abrufen, Hausaufgaben einsehen, Textvorlagen und Emails runterladen oder einfach nachschauen kann, was heute Abend denn so auf dem Campus los ist. Wireless, versteht sich, auf dem kompletten Kampus überall verfügbar.
Ganz davon abgesehen sitze ich gerade mit sechs (in Worten: sechs) anderen neuen Studenten an einem Tisch aus Mahagoni, in Ledersesseln. Gerade eben hat man uns mit Speis und Trank versorgt und mit Handschlag und einem freundlichen Lächeln begrüßt. Fehlt eigentlich nur noch, dass wir alle gemeinsam Champagner schlürfen. Und so bin ich dann auch schon wieder ganz guter Dinge, als sich kurze Zeit später die Tür öffnet und nach und nach die Professoren in den Raum kommen, sich vorstellen und betonen, dass es ihnen eine große Ehre ist, mit uns zusammen arbeiten zu dürfen. Wir sind ganz gerührt, der Matt, die Stephany und ich und am Ende des Tisches sitzt Mike und lächelt zufrieden. Für nächste Woche hat er uns zu sich nach Hause eingeladen zum großen Barbecue. Heute Abend gehen wir alle zusammen ins Open-Air-Kino und schauen „Shrek“.
Und morgen? Da backen wir Waffeln.
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